Die Halle vorsorglich gekündigt
Artikel vom 01.07.2011Staat kürzt Mittel für Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose - Unterschriftensammlung
Ipsheim - Freude herrschte Anfang Dezember in Ipsheim: Ein Verbrauchermarkt öffnete in der Gemeinde seine Pforten. Doch nun zeichnet sich ab, dass sie zum Jahresende schon wieder geschlossen werden könnten.
Ipsheim hat ein strukturelles Problem: Genau in der Mitte zwischen den mit reichlichen Verkaufsflächen "gesegneten" Städten Bad Windsheim und Neustadt liegend, ist die Gemeinde mit rund 2100 Einwohnern als Markt für einen der großen Supermarkt-Ketten uninteressant: "Seit Jahren versuchten wir einen Markt anzusiedeln", so Bürgermeister Frank Müller - doch das blieb vergebliche Liebesmüh. Bis es zum Kontakt mit der sbr gGmbH mit Sitz in Stuttgart kam. Sie betreibt als Tochterunternehmen "Bonusmärkte" auf der Basis eines speziellen Geschäftsmodells (BONUS = Berufliche Orientierung, Nachbarschaftsmärkte und Service gGmbH). Gesucht werden Standorte, die für die großen Ketten nicht lukrativ sind. Warum dann "Bonus" hier existieren kann, liegt an zwei Faktoren. Der eine: es besteht keine Gewinnerzielungsabsicht, denn "Bonus" ist als gemeinnützig anerkannt. Der andere: Das personal des Marktes (derzeit fünf Stellen) ist vom JobCenter zugeteilt worden. Es handelt sich um Leute, die langzeitarbeitslos waren oder keinen Ausbildungsplatz fanden. So gelingt es dem JobCenter diese Leute in Arbeit zu bringen, muss dafür aber auch "Bonus" einen Förderzuschuss leisten. Aus dieser Kombination sind diese Märkte (Schwerpunkt ist Baden-Württemberg, der Ipsheimer war der erste in Franken) auch an ungeeigneteren Standorten überlebensfähig.
Doch das ändert sich derzeit. der Grund: Die Bundesregierung nimmt Kürzungen bei der Förderung von Arbeitsgelegenheiten vor und schwächt damit die Geschäftsgrundlage von "Bonus". Dabei konnte "Bonus"-Geschäftsführer Manfred Kaul im Fall Ipsheim gar nicht mal klagen, denn mit dem Umsatz ist er durchaus zufrieden. Die drohende Kürzung der Förderung bezifferte er allerdings auf 35 Prozent - und damit drohen rote Zahlen.
"Unternehmerisch haben wir unsere Hausaufgaben gemacht", ist sich Kaul sicher. Das personal im Markt wurde von anfänglich sieben auf fünf reduziert. Um Verbesserungen auf der staatlichen Zuschuss-Seite zu erreichen gab es ein Gespräch von Kaul mit Landrat Walter Schneider, Bürgermeister Frank Müller und JobCenter-Chefin Gitta Doller. Das Ergebnis formuliert Doller so: "Jeder hat sich ein bisschen bewegt." So sei es gelungen, den Betrieb des Marktes bis zum Jahresende sicher zu stellen.
Was danach kommt steht in den Sternen. Doller: "Ich sehe die Nöte des "Bonus"-Geschäftsführers. Wir wollen auch nicht zum Todesstoß für den Markt beitragen. Doch ich weiß nicht, welche Mittel ich nächstes Jahr für meine Arbeitsförderungs-Instrumente zur Verfügung habe".
Genau das ist der Grund warum "Bonus" vorsorglich bereits die Kündigung für die Halle ausgesprochen hat. Laut Manfred Kaul läuft die Kündigungsfrist ein halbes Jahr, weshalb er bereits jetzt handeln musste. "Was da passiert, ist ein Problem der Bundespolitik", weist er klar die Verantwortung zu. Der derzeitige Boom am Arbeitsmarkt gehe nömlich an dem verfestigten Sockle der Lagzeitarbeitslosen spurlos vorbei. Ihre Zahl sinke nicht, weshalb die Mittelkürzung gerade diesen Personenkreis trifft.
Gitta Doller com JobCenter hätte gern eine langfristigere Perspektive für ihren Mitteleinsatz: "Die momentane Situation ist unbefriedigend, doch ich komme da nicht raus." Die Existenz des Marktes bis Jahresende scheint gesichert, "und ich will mich dafür einsetzen, dass es 2012 weiter geht." Erfolge aus ihrer Sicht seien ja sichtbar, denn vom Personal hätten schon einige den Sprung in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis oder in eine Ausbildung geschafft. Derzeit läuft in Ipsheim eine Unterschriftenliste für den Erhalt des Marktes. Über 1200 Leute haben sich schon eingetragen. Bürgermeister Müller, der ein vermittelndes Gespräch mit dem Vermieter der Halle geführt hat: "Für Ipsheim ist der Markt sehr notwendig."
Quelle: FLZ, 22.06.2011




